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private viewing
05

05.10.2019


Ausstellung 05 widmet sich rhythmisch geprägten Narrativen in Zeit, der Untersuchung von Objektivierung und dem Versuch, als Individuum de-individualisierte Ausdrucksformen zu praktizieren.


takes aus julianischen tagen  reill

Toni Kleinlercher, takes aus julianischen tagen, Foto © T.K.                         Alexandra Reill, never forget how fragile people are, Foto © T. K.


alexandra reill

never forget how fragile people are


ist ein künstlerisches Forschungsprojekt aus dem Segment der Ethno-/ Autofiction; ein calendarium, das auf Grundlage von Methoden aus Big Data und Social Profiling etymische Untersuchungen vornimmt, um so zeitgenössisches Narrativ in experimenteller Weise zu erproben. Reill erklärt sich für einen definierten Zeitraum zum Sample für biografische Entwicklung, die fallgleich von einer anderen Person durchlebt werden könnte.


toni kleinlercher

takes aus julianischen tagen


unter Betrachtung von Arno Schmidts Ausführungen zum Julianischen Tageszählsystem und der verbreiteten Neigung, sich auf persönlich bedeutsame Personen oder Begebenheiten unter Verknüpfung mit einer Zeitmessung zu beziehen, entstanden tägliche Text- und Bildmanifestationen, die sich bewusst jeglicher Zuordnung zu entziehen versuchten. Nun konzeptionell und formal On Kawaras date paintings folgend, erprobt das installative Setting inklusive einer experimentellen Videokompilation Fragen zu Auflösung über die Gleichheit in der Leere.


keynote: peter moosgaard

You can store water in the Cloud

Moosgaards Text und Keynote setzen sich mit künstlerischen Bezugssystemen und ihren Überlagerungen in den Arbeiten von Alexandra Reill und Toni Kleinlercher auseinander. Persönliche Mythologien treffen auf gesellschaftliche Lebensrealitäten, anhand derer potenzielle Rhythmen zeitgenössischer, digital konditionierter Welten sichtbar werden. Die Frage an die ausgestellten Arbeiten ist: Verschwinden die Rituale oder werden sie erneut durch technische Verfahren er- und übersezt?


reill   reill

Alexandra Reill, never forget how fragile people are, Foto © T. K.                Alexandra Reill, never forget how fragile people are, Foto © T. K.


takes  takes

Toni Kleinlercher, takes aus julianischen tagen, Foto © T.K.                          Toni Kleinlercher, takes aus julianischen tagen, Foto © T.K. 


Essay zur Ausstellung PRIVATE VIEWING 05 von Peter Moosgaard

You can store water in the cloud!

Das erste Bezugssystem ist der Horizont, er teilt ganz schön göttlich den Himmel von der Erde ab - und so die Irdischen von den Himmlischen. Ob menschliche Orien­tierungsmodelle und Ordnungssysteme nun Gottesurteile sind oder nicht, bleibt dabei schleierhaft. Das indogermanische Urwort der Teilung und Ausdifferentierung, das SCEI- geht eben diesem Himmel (Sky, Schisma, Science, Schizo ..) voran, und bot uns damit erste Anhaltslinien. Nach Einfall der Dunkelheit kamen die Anhaltspunkte hinzu und das Ganze wurde schon wesentlich komplexer. In diesem Rauschen der Sterne, dem himmlischen Noise, diesen Daten meinen die Menschen bald Figuren zu erkennen, und kosmisieren erstmalig das Rauschen zu waschechter Information. Zu jenen wesentli­chen Unterschieden an Stieren, Jungfrauen, Krabben etc könnte man auch Einbildung sagen. Aber die Einbilder sind uns durchaus nützlich: Wege werden so gefunden und wütend wieder eingeschlagen. Ab dann wurde es mit gewissen Maßen kompliziert mit den Orientierungshilfen. Der Mensch ist nur so gut oder schlecht wie seine Bezugsysteme selbst, in denen er sich verorten und die Welt aus kosmisieren kann. Wie die Grenze von Wittgensteins Sprache auch die Grenze von Wittgensteins Welt ist, ist es heute der Bildschirm über den Kontingenz bewältigt wird. Aus Überforderung vor dem Son­nenuntergang (ja aus schlechtem Gewissen diesen nicht wirklich fassen zu können) wird der Sonnenuntergang fotografiert und gepostet, ohne entsprechenden Filter geht das Erleben nicht. Die austellenden Künstlerinnen und Künstler bewegen sich nicht in den geläufigen, den stark belaufenen Bezugssystemen. Sie schaffen ihre eigenen Karten und verschieben sie - gleich der Situationisitschen Internationale - gege­neinander. Sie erzeugen dadurch oft delikate Berührungspunkte und kommen so vom Weg ab. Dorthin, wo auf der Karte Drachen wohnen. Wie meinte Deleuze, wenn man dem Flus­slauf einfach folgen soll, wohin der Samen getragen wird, in die Wildnis? In einer Gegenüberstellung der Arbeiten von Alexandra Reill und Toni Kleinlercher finden wir Schnittmengen, oder weniger metrisch ausgedrückt: delikate Berührungspunkte, von denen aus sich ein neuer Sinnzusammenhang von Innen- und Außenwelt entspinnen kann. Die Darstellung von privaten Mythologien, akribischen Aufzeichnungssystemen verbind­et diese Positionen, die vielmehr zwei Horizonte als zwei Standpunkte sind. In dies­er Liebe zum Beziehen selbst setzen die Künstler nicht Versatzstücke in Konstella­tion, sondern Systeme des Alltags selbst. Die Sinnzusammenhänge innerhalb derer wir täglich wahrnehmen, erkennen wollen, aufzeichnen, werden in den Arbeiten neu und höchst persönlich geordnet. Sie werden so als poetische wie technische Teilhabe gle­ichermaßen gedacht. Alexandra Reill entsagt sich in ihrer Arbeit der Datenhegemonie des Silicon Valley und entwirft ein eigenes, akribisches Instrumentarium der Selb­streflexion. Ein digitales Analysetool als offenes Werk, welches hier beliebig er­weitert und begangen werden kann: Big Data, c´est moi! Fertig ist es wohl nur dann, wenn die digitale Karte zum Gebiet geworden ist .. Toni Kleinlercher beschwört in seiner Arbeit den Berg Fuji, indem er ihn wiederholt und treffenderweise fotografi­ert, und mithilfe der Julianischen Tageszählung in der Zeit verortet. Der Nebel am Hor­izont macht den japanischen Fujisan oft schleierhaft - ein natürlicher Filter quasi - der den Berg erst in unserer Vorstellung zum Vorschein bringt. Auch hier ver­schleiern Daten (und) Wolken Mensch (Künstler) und Gottheit (Fujisan). Wir sehen die Profile von Berg und Frau nur hinter ihren Spuren so deutlich. So jagen wir unseren eigenen Fußabtritten hinterher und verlassen uns fast rituell auf Kamera, Computer und Apparat, sie machen sprichwörtlich FÜR uns Sinn. So könnte doch ein neues Koan lauten: Can you store water in the cloud? Jedoch ist Information im wahrsten Sinne “Einbildung”, wir formen hinein in die Wolken. Wir sehen Figuren, Vogelspuren im Schnee, Daten und gehen ihnen gleich nach. Wenn es sein muss, auch bis zum Horizont.


reill  reill

Installation view, private viewing 05, Foto © T.K.


www.toni-kleinlercher.com