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etymdrawings

Etymdrawings, Installationsansicht, MAERZ – Vereinigung von Künstlerinnen und Künstlern, Foto © Gerlinde Miesenböck

etymdrawings

Tusche auf Papier, 42 x 59,70 cm, Galerie MAERZ , 2015 Linz, Austria


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Christian Steinbacher zu Toni Kleinlerchers Ausstellung etymdrawings: (Rede, gehalten am 8. 8. 2015)

Zu Beginn zwei Zitate, bewusst wahllos herausgezupft: Michel Leiris am 27. 11. 1943: „Das Material ist wieder in den Kisten. Larget hat meine abgerissenen Schuhe wieder angenagelt.“1 – Toni Kleinlercher am 16. 8. 1991, in etwa ortsgleich zum vorigen Eintrag von Leiris: „Anschließend kühner fürstentrick mit kornfeldallüre.“2

Entgegen etwa dem „Freud’schen Versprecher“ kennt den Begriff „Etym“ nur eine kleine Fachwelt. Vermutet man, dass die zwei Silben schlicht dem Wort Etymologie vorne abgebrochen worden sind, liegt man wohl nicht falsch. Mit „wahr“ wird étymos als Bestandteil des altgriechischen etymología übersetzt, ist nachzulesen. Was also sei, so bedacht, ein „Etym“? Eine verborgene Wahrheit? Oder eher eine verbogene, verzerrte? Oder eine, die im Biegen und Zerren mögliche Rückbindungen auch abwirft?

Im Anwenden der Psychoanalyse auf die Literatur entwickelte Arno Schmidt seine „Etym“-Theorie, die besagt, dass durch unbewusste Einflüsse Wörter Verschreibungen annehmen, die auf den Ursprungsbereich zurückweisen. Auch James Joyce spricht von „etyms“, hat dabei aber nicht lediglich Verschlüsselung im Visier. Eingehende Lektüren habe ich zu keinem dieser beiden Herren jemals betrieben, ein eifriger Leser der Arbeiten von Michel Leiris jedoch, jenes dritten Schriftstellers, auf den für hier nun Bezug genommen werden soll, war ich immer wieder und gerne.

Das Finden von Wörtern unter Wörtern war auch Leiris eine Quelle seines Tuns. Unter dem Titel Wörter ohne Gedächtnis erschien 1984 eine Übertragung seines 1940 publizierten Glossaire, j’y serre mes glose, worin, und auch wenn für dieses Glossar der Begriff direkt nicht fällt, Zuweisungsspiele auszumachen sind, welche der „Etym“-Bildung durchaus verwandt sind. Zur Verdeutlichung zwei von Felix Philipp Ingold nachgedichtete Beispiele: „Absolut“ ergibt bei Ingold „tu so, als ob!“, und „Definieren“ in aller Kürze „fidel: nie irren!“3

1998 habe ich Toni Kleinlerchers Buch Eiweißschaum aus allen Pornotoren herausgegeben, das ebenso ein Glossar enthält. Es dient der Kenntlichhaltung der im Haupttext substituierten Wörter. Als Regel galt, alle Substantive mit Ausnahme der Eigennamen durch ein über Buchstaben- und Lautversetzung gewonnenes Austauschvokabular zu ersetzen.

Anfang der Dreißiger-Jahre des vorigen Jahrhunderts hat sich Leiris als Ethnograph an der Expedition „Dakar-Djibouti“ beteiligt und anschließend ein Reisetagebuch veröffentlicht. 60 Jahre später ist Kleinlercher einen Teil der Route nachgereist, hat das ihm Begegnende auf Tonbänder gesprochen, dieses Material zu einer tagebuchartigen Textfolge essentialisiert und danach in Anlehnung an Leiris’ Wörter ohne Gedächtnis ein Glossar dazu entwickelt.

Genug des Redens an einem Buch entlang. Betreten wir nun die Ausstellung: Im linken Bereich zentral eine Gruppe von 21 „etymdrawings“, denen Einträge aus dem besagten Buch zugrunde liegen. Auf der Wand links davon als Beispiele drei jener Einträge. Die zwischen den Substantiven verbliebenen Textteile aus dem Basis-Text sind abgedeckt worden, sodass ausschließlich die „Etyms“ zu lesen bleiben. Das Durchstreichen mag auch markieren, dass ein Wissen darum, welcher Text genau hinter welcher Zeichnung steht, hier letztlich eben gerade nicht von Belang ist.

Gestaltpsychologisch fällt mir da ein Satz ein, den ich aus Arnheims Kunst und Sehen exzerpiert habe, und zwar: „Eine pfeilförmige Gestalt hat immer die gleiche Wirkung, ob sie den Betrachter an einen Pfeil, ein Schiff oder an überhaupt nichts erinnert.“4 Möglich, dass das an der Stelle passt oder auch nicht. Passen mag sicher mein Rückverweis, wenn ich erinnere, dass ein Zudecken von zuvor eigens gesetzter Spur sich als prägend schon in des Künstlers frühesten Arbeiten erwiesen hat, wo er im ersten seiner Mountainwork-Projekte auf ausgewählte Felsen in Tirol Poeme gesprayt und im Jahr darauf in hochwitterungsbeständigem Gelb mit Farbbalken wieder zugedeckt hat. Kleinlerchers konzeptive Arbeiten erstrecken sich immer wieder über mehrere Schritte. Am weitläufigsten wohl in der Arbeit demontage aus den 1990er-Jahren, wo er die Spitzen von 36 bekannten europäischen Berggipfeln ins Tal schleppte und im Atelier, nachdem er von den Originalen Steinzeugduplikate hergestellt hatte, zu Steinmehl zermahlte. Auch für seine „etymdrawings“ hatte Kleinlercher vorerst nach draußen zu gehen, stand doch zu Beginn von all dem die Reise (auf der er unter anderem eine nicht dokumentierte (und uns somit auch nicht sichtbare) Performance einer Pflanzung eines Baobab-Baums durchführte), bevor erst viel später die Zeichnungen einsetzen, deren Entstehung hier nun bedacht wird.

Der Künstler hängt einen oder zwei Stifte oder auch einen Pinsel an einen von der Decke hängenden Faden. Was sich dann vollzieht, sehen wir in dem eine Entstehung nachstellenden Video. Der Künstler setzt den Faden mit dem Stift bzw. Pinsel, sich auf den Rhythmus im Sprechen des Textes – es handelt sich um die Einträge aus der früheren Publikation – konzentrierend, in Bewegung. Pinsel oder Stift geben dann ihre Tuschespuren, entweder vertikal (wo Horizontalen zu sehen sind, wurde das Blatt gewendet) oder kreisförmig (was als Einstrichzeichnung auch ein Knäuel, wie es in der großformatigeren Zeichnung neben dem Video geboten wird, entstehen lässt).

Der Stift oder Pinsel wird nicht geführt, sondern der Künstler beschränkt sein Tun auf das Schaffen der Rahmenbedingung für die sich dadurch einstellende Spurensetzung. Die Zwischenschaltung des Fadens ermögliche es, eine persönliche Handschrift weitgehend zurückzunehmen, sagt Toni Kleinlercher. Bedenkt man, dass etwa auch die Persönlichkeit des Kalligraphen seinen Zeichen nicht ablesbar ist, so ist es nicht verwunderlich zu erfahren, dass der Künstler einige Jahre in Japan gelebt hat und mit den Techniken des Zen vertraut ist, die ja auch zum Unkalkulierbaren hin öffnen wollen. (Und wenn dann etwas, das wir üblicherweise mit dem Begriff Gestaltung fassen, womöglich erst in der Hängung der Zeichnungen zu einer Gruppe auszumachen sein würde, so wäre selbst so eine Arbeit des Platzierens eine, die lediglich dem Schaffen einer Situation dienen will, die die Individualität der einzelnen Zeichnungen möglichst wenig beeinträchtigt.)

Einer anderen Art von Ent-Personalisierung begegnen wir in den von Schimmel befallenen Diapositiven. Einige Zeit nach seiner Reise bemerkt der Künstler den einsetzenden Verfallsprozess und beschließt ihn zuzulassen. Rund 20 Jahre später scannt er die Dias und nimmt sich vor, weitere Scans anzufertigen, um den Fortgang der Verschimmelung festzuhalten.

Die hier gezeigten Scans und ihre Drucke stammen aus 2012. Den Arbeiten soll eine parabelhafte Wirkung innewohnen. Leiris hat in seinem Tagebuch ein Bild der Ethnologie und der Ethnologen gezeichnet, das vieles an der stets kolonialistisch geführten Feldforschung infrage stellt und eine obsessionelle Gier nach dem Besitz von Fremdem hervorkehrt. Die Expedition, an der Leiris teilnahm, war eine Initialzündung für weitere Raubzüge. Die Parabel ist eine des Zugrundegehens alter Kulturen, hier der der Dogon.

Ich möchte an der Stelle erinnern, dass uns im Jahr der Anfertigung dieser Scans die erschütternde Nachricht von der Zerstörung der dem UNESCO-Weltkulturerbe zuzurechnenden Lehm-Mausoleen in Timbuktu durch islamistische Rebellen erreicht hat. Auch diese Stadt liegt in Mali, wenn auch abseits der von Kleinlercher und Leiris bereisten Route. Nicht vergessen sein soll hier aber auch die Ausbeutung einer alten Kultur wie jener der Dogon durch die europäischen Plünderer.

Eine sich an einer weitestmöglichen Zurücknahme der Persönlichkeit ausrichtende Kunst will das Autorisieren ebenso unterschreiten wie das Erreichen von nur Bestimmtem. Das „Etym“ lässt dieser Zurücknahme entsprechend vieles im Ungewissen. Wie Kleinlercher zu dem etwas verklumpten „Etym“ „duschanbes punchdame“ für „Dusche“, das als „Etym“ den dritten der hier der Gruppe seiner „etymdrawings“ voranhängenden Einträge eröffnet, gekommen ist, wird er nicht mehr wissen, vermute ich. Duschanbe, so heißt die Hauptstadt Tadschikistans, ermittle ich überflüssigerweise, denn das könnte damals wohl auch als irgendein exotisch anmutendes Wort einfach ganz vom Klang aus geschnappt worden sein. Das Insignifikante behält hier ja seinen Raum, und es verbindet sich mit einem Tun, das keinerlei Interessen vertreten will, aber in seiner Öffnung zur Ent-Innerlichung auch das Angebot einer Kalkül-fernen Konzentration darstellen mag, das sich welchem Beherrschen auch immer entgegenhalten lässt. Oder auch einfacher: Man versucht, verwirft und belässt, was meint, dass künstlerisches Tun erfreulicherweise nur diesseits des Kalkulierbaren gedeiht, was hier selbst mit Thema sein will.

Nach solch ausholenden Worten möchte ich mit einem Satz von Michel Leiris aus anderen Zusammenhängen, nämlich aus seinem Buch Das Band am Hals der Olympia schließen, und zwar: „Hat man sich erst einmal darauf eingelassen, dann möchte man nicht, daß das Buch, der geworfene Stein, keinen Kreis im Wasser zieht.“5

1 Toni Kleinlercher, Eiweißschaum aus allen Pornotoren, Linz/Wien: Blattwerk 1998, S. 82 (und: Michel Leiris, Phantom Afrika. Tagebuch einer Expedition von Dakar nach Djibouti 1931–1933. Erster Teil, übers. von Rolf Wintermeyer (= Ethnologische Schriften, Bd. 3), Frankfurt am Main: Suhrkamp 1985, S. 174).

2 Ebd., S. 83.

3 Michel Leiris, „Glossar – große Wortschar (Auszüge)“, aus dem Franz. von Felix Philipp Ingold, in: Michel Leiris, Wörter ohne Gedächtnis. Große Schneeflucht, Frankfurt am Main: Fischer 1991, S. 108.

4 Rudolf Arnheim, Kunst und Sehen. Eine Psychologie des schöpferischen Auges, Berlin: de Gruyter 1965, S. 357.

5 Michel Leiris, Das Band am Hals der Olympia, aus dem Franz. von Rolf Wintermeyer u. Simon Werle, Frankfurt am Main/Paris: Qumran 1983, S. 224.

 

 

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