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beyond ikebana

 

 

"The beauty expressed in ikebana is created to last only for a short time. The essential beauty lies precisely in its being transitory and timely. It is a beauty which embraces time, appearing out of the impermanency of time itself!" (Nishitani,1989 p. 23.)

 

Die Werkserie "beyond ikebana" ist ein Versuch, den Blumenweg "Kado" fortzuschreiben. Es ist nicht im Sinn des Künstlers, einen Zweck zu erfüllen. Das Ergebnis ist das Resultat eines Prozesses, der ohne zielgerichtete kompositorische Vorstellung passiert. Der Prozess ist somit ein wesentliches Element des Werkes. Darüber hinaus ist das verwendete Material ein integraler Bestandteil der Arbeit, die sich innerhalb der Versuchsanwendungen von Malerei bewegt. Das verwendete Material sind ausschließlich frisch geschnittene Blumen, die vorrangig im Ateliergarten des Künstlers herangezogen wurden. Die Blume als Quelle des Produkts für den Farbauftrag und als Tool in Form eines "Pinsels" in einem. Produktion von Farbe und Erzeugung des Bildes geschehen im selben Moment. "Farbtube" und "Pinsel" werden so zu sichtbaren, weil integralen Elementen des entstehenden Bildes. Diesen für den Werkkomplex wesentlichen Prozess des Farbauftrags, versteht der Künstler, inspiriert von Nishitani Keijis' Essay "The Japanese Art Of Arranged Flowers" als Versuch, den Blumenweg "Kado" fortzuschreiben. Er sieht die Werkserie in der vor über 60 Jahren gegründeten Gutai Bewegung Japans verortet, die sich bekanntlich japanischen wie auch westlichen bildnerischen Traditionen entsagten. Den Gutai KünstlerInnen ging es u.a. um die Erforschung der Beziehung zwischen menschlichem Geist und Material. Sie wollten Werke schaffen, die im "Schrei der Materie" schwelgen.

"Gutai Kunst verändert das Material nicht, sondern erweckt es zum Leben. Der menschliche Geist zwingt das Material nicht zur Unterwerfung. Lässt man das Material so wie es ist, präsentiert es sich als Material, dann beginnt es uns etwas zu sagen und spricht mit mächtiger Stimme." (Jiro Yoshihara)

Die Werkserie "beyond ikebana" ist, wenn man Gutai-Werke, wie Kazuo Shiragas "Challenge To The Mud", Saburõ Murakamis "Laceration Of Paper", oder Shozo Shimamotos "Boxing Paintings" zum Vergleich anstellt, wohl kein Werk, das im "Schrei der Materie" schwelgt. Dann schon eher eine Arbeit, die aus der "Stille der Materie" spricht. Im Gegensatz zum klassischen Ikebana, wird in der Werkserie "beyond ikebana" Harmonie von linearem Aufbau, Rhythmik und Farbe nicht bewusst angestrebt, da die Arbeiten in ihrer ursprünglichen Form, wie schon erwähnt, ohne zielgerichtete kompositorische Eingriffe des Künstlers entstehen. Vielmehr agiert der Künstler als eine Art Medium, der lediglich zur Ausführung bringt, was im Material bereits angelegt ist. Der Künstler hat keinen Einfluss darauf, wie viel Saft, in welcher Farbintensität in der Blume schlummert, welchen Weg sich der Pflanzensaft bahnt, ob sich die Blüte explosiv entlädt oder sich in einem gemächlichen Erguss in zarten Spuren in das Blatt einschreibt. Natürlich wird die Blume, das ist eine der bewussten Entscheidungen des Künstlers, als Sorte ausgewählt. Er entscheidet auch, welche Teile der Blume, wie viele Blüten, ob Stängel, Blätter, Griffel, Narben, Staubblätter, Fruchtknoten etc. mitverwendet werden oder nicht. An welcher Stelle auf dem Bildträger die jeweiligen Teile platziert werden, wie stark der Druck darauf hinsichtlich des Farbauftrags ausgeübt wird, ist ebenfalls eine Entscheidung des Künstlers. Das daraus resultierende Ergebnis entzieht sich jedoch seiner Einflussnahme.

Als quasi Antipode dieses für den Werkkomplex wesentlichen Prozesses des Farbauftrags, ist das darauf folgende Arrangieren zurechtgeschnittener Blumenbilder von Meistern der klassischen Moderne aus diversen Büchern und Zeitschriften sowie das Aufstempeln von Textstellen aus dem erwähnten Essay Nishitani Keijis' bzw. Haikus aus dem Urtext des Man-yōshū, Kokin-wakashū und Shinkokin-wakashū zu verstehen. Dies hat seine Wurzeln sowohl in der klassischen japanischen Bildtradition als auch in zenbuddhistischen Praktiken. Das Schneiden oder Abtrennen (jap. "kire"), ist ein Grundprinzip im Buddhismus und findet in diversen japanischen Kunstgattungen Anwendung. Im Buddhismus werden die Begierden abgeschnitten, um die buddhistische "Leere" im Leben zu verwirklichen. In den Künsten wird das Dargestellte bewusst unterbrochen, um u.a. auf den jeweiligen Gegenpol hinzuweisen, wobei dieser Gegenpol bereits im Dargestellten immanent vorhanden ist. "Die westliche Kunst setzt Eindrücke in Beschreibungen um", führt Roland Barthes in seinem Essayband "Das Reich der Zeichen" aus, und weiter sinngemäß, "ihre Funktion liegt wesentlich darin, manifest zu machen, was als verborgen gilt, und dabei die Mittel zu verbergen, mit denen dieser ganze Zauber bewerkstelligt wird". Die klassische japanische Kunst kehrt dieses Verhältnis von Verbergen und Enthüllen um, die Quellen der jeweiligen Künste, sei es Ikebana, Haiku, Bunraku, No-Theater usw. werden in ihrer Leere ausgestellt. Die Handlung tritt an die Stelle der Innerlichkeit. Die Blume als Quelle des Produkts für den Farbauftrag und als Tool in Form eines "Pinsels" in einem. Produktion von Farbe und Erzeugung des Bildes passieren im selben Prozess. "Farbtube" und "Pinsel" werden so zu sichtbaren, weil integralen Elementen des entstehenden Bildes. Die Werkserie "beyond ikebana" ist ein Versuch, den Blumenweg "Kado" fortzuschreiben.



 

 

© 2017 Toni Kleinlercher